Kapitel 10 – Baikalsee, Omsk

Baikalsee

Mit Irkutsk muss in einem Atemzug der Baikalsee genannt werden. Dieser See ist größer als Österreich und an einigen Stellen sehr tief. Sein Wasser ist klar und zur damaligen Zeit konnte man es trinken. Dies war auch ein Brauch, dem man folgen musste, wenn man das erste Mal zum See kam. Im Baikalsee gibt es eine Art von Fischen, die es nur in diesem See gibt. Die Russen trocknen sie und lieben sie als Delikatesse.

Zum Baikalsee kommt man von Irkutsk über einen Fluss – die Angara. Die etwa 40 km werden mit einem Tragflächenboot zurückgelegt.

Als ich dort war, war es Spätherbst. Wir waren eine Gruppe und zelebrierten auf dem Boot eine kleine Feier mit viel zu trinken. Die Stimmung wurde immer besser und dies führte wohl auch zu den tiefsten Eindrücken, die uns die Natur während der Fahrt bot. Links und rechts des Flusses gibt es nur Wälder, die fast ausschließlich aus Birken bestehen. Diese Bäume erzeugen im Herbst die schönsten und vielfältigsten Farben. Die Sonne die unseren Ausflug perfekt machte, verstärkte noch die unzähligen Farbnuancen. Es gab keinen Wind, außer dem Fahrtwind des schnell dahin fahrenden Bootes. Wir kamen aus dem Staunen nicht raus, welche herrlichen Schönheiten die Natur bieten kann.

Die Fahrt zum Baikalsee war eine einzige Farbenpracht und hinterließ Eindrücke, die nicht mehr zu vergessen waren.

Der See war schon im Begriff zuzufrieren. Die Ufer waren bereits mit dicken Eisplatten bedeckt. Eigentlich waren es keine Platten. Es waren lange Eisstifte, die aneinander klebten und so den Eindruck von Platten erzeugten. Wir brachen die Eisstifte ab und rührten damit in unserem Wodka. Wir wärmten uns aber nicht nur mit Wodka sondern auch an einem gemütlichen Lagerfeuer, das wir mit am Ufer gesammeltem Holz fütterten. Das war eindeutig einer der Höhepunkte meiner Russlandreisen.

Jedes Mal danach, wenn ich nach Irkutsk kam, besuchte ich den Baikalsee. Immer wieder war es ein herrliches Erlebnis, aber nie wieder erreichte es die Vollkommenheit des ersten Besuchs.

Omsk

Hier noch eine kleine Anekdote im Zusammenhang mit meinen Reisen nach Irkutsk. Nach Irkutsk flog ich immer von Moskau mit Zwischenlandung in Omsk. An Bord von russischen Flugzeugen gab es schon damals kaum Bewirtung, worauf die westlichen Gesellschaften erst viel später gekommen sind. Nach den ersten Reisen wusste ich, dass es in Omsk am Flughafen russisches Bier gab. Es gab dabei nur eines zu beachten: Das russische Bier zählte damals nicht unbedingt zu den Spitzen der Braukunst, sondern war für unseren Geschmack eher in die Kategorie „kaum genießbar“ einzuordnen. Aber! Wenn unsere Maschine in Omsk landete, gab es ungefähr 20 gekühlte Flaschen Bier. Man musste also versuchen, das Flugzeug als einer der Ersten zu verlassen und schnellstens in das Fluggebäude zu stürmen, da andere auch zu wissen schienen, dass in Omsk der Vorrat an gekühltem Bier erschreckend gering ist.

So gelang es mir meistens ein gekühltes Bier zu ergattern und es in einer stillen Ecke zu genießen.

In Omsk hatte ich aber noch ein Problem. Da ich nie genug Russisch verstand, um irgendwelche Durchsagen am Flugplatz zu verstehen und die Ausgänge alle in kyrillischer Schrift beschriftet waren, legte ich mir eine Technik zu, die (fast) immer erfolgreich war. Ich suchte mir einige prägnante Gestalten bereits während des Fluges aus. Wenn dann am Flughafen Omsk eine Durchsage gemacht wurde und viele Leute sich vor einem Gate versammelten, überprüfte ich, ob meine Kenngrößen dabei waren. War dies der Fall, stellte ich mich auch dazu und kam so zu meinem Anschlussflug nach Irkutsk. In Omsk kontrollierte beim Gate niemand den Flugschein und das wurde mir zum Verhängnis.

Ich saß wieder einmal mitten in der Nacht am Flughafen im schönen Omsk und nuckelte mit leicht verzerrtem Gesicht an meinem Omsk-Bock. Nach einiger Zeit hörte ich eine Durchsage und zig Leute strömten zu Gate Nummer 5. Ich wie üblich am Checken von wegen Identifikationspersonen. Viele bekannte Leute konnte ich nicht ausmachen, aber einer war dabei, den ich definitiv als Mitreisenden identifizieren konnte. Also es ging weiter. Ich stellte mich auch bei Gate 5 an und wartete auf den Bus. Der kam und wir pressten uns rein. Er preschte in die dunkle Nacht und ich war froh, dass es nicht mehr lange dauern würde bis zu meiner Ankunft in Irkutsk.

Wir näherten uns einer beleuchteten Maschine. Je näher wir kamen, desto mehr standen mir die Haare zu Berge, denn mit jedem Meter erkannte ich mehr und mehr, dass dies mit Sicherheit nicht das Flugzeug war, mit dem ich gekommen war. Mein Flugzeug hatte vier riesige Triebwerke, der aus der Nacht auftauchende Vogel hatte zwei mickrige Propeller. Ich sah mich schon unterwegs nach Wladiwostok oder in eine andere unerfreuliche Gegend. Vielen wird bekannt sein, wie schnell eine Panikgeschichte im Kopf geschrieben und ausgemalt wird. Eine Variante war auch, dass ich in Omsk in den Kerker geworfen werde und niemand findet mich in den nächsten 10 oder mehr Jahren.

Irgendwann blieb der Bus bei dem Spielzeugflieger stehen. Auch meine letzte Hoffnung, dass sich mein größeres Flugzeug nur hinter dem kleineren versteckt hatte, zerbrach brutal. Ich war also beim falschen Flugzeug. Ich stieg trotzdem aus dem Bus und blickte mich um. Gefühlte tausend Kilometer entfernt, am anderen Ende des Flugplatzes stand noch ein beleuchteter Flieger. Da sonst nichts Vernünftiges zu sehen war, baute sich in mir die Gewissheit auf, dass dies mein Ziel sein müsste. Dies war der Weg nach Irkutsk!

CC BY-NC-ND by Yukon White Light

Ich marschierte also los in Richtung auf die leuchtende Erscheinung. Rund um mich herum war es stockdunkel und daher fiel mir nach einiger Zeit sofort auf, als blaue Lichtblitze um mich herum zuckten. Ich konnte die Quelle schnell ermitteln – es war ein Polizeiauto. Mit quietschenden Reifen hielt der heiße Moskwitsch neben mir. Ich hatte schon das Stadium der Resignation erreicht und war versucht meine Hände zu heben, als die Polizisten aus ihrem Gefährt sprangen. Sie sprachen mich in der ihnen eigenen Sprache an, die ich schon in dem Gebäude nicht verstanden hatte. Das erzählte ich ihnen auch auf Deutsch. Ich war echt überrascht, dass sie mit mir überhaupt noch redeten und mir nicht sofort Handschellen anlegten.

Mir kam die rettende Idee, auf das beleuchtete Flugzeug zu weisen und dadurch zu signalisieren, dass ich dort hin musste. Sie verstanden mich anscheinend, was sie aber nicht davon abhielt, mich in das Auto zu zerren und mit mir loszubrausen. Ich war mächtig erstaunt, dass wir nicht zurück zum Flughafengebäude fuhren, wo mit Sicherheit das Gefängnis für verirrte Ausländer war, sondern in Richtung der Irkutsk-Maschine. Sie hielten neben der Maschine und holten mich aus dem Auto. Sie versuchten mir wortreich etwas zu erklären und zeigten dabei mehrmals auf den offenen Einstieg. Langsam begriff ich. Die Freunde und Helfer hatten mich zu meinem Flugzeug gefahren. Ich bedankte mich überschwänglich und war wieder einmal gewaltig beeindruckt vom Verhalten dieser Menschen. Ich stieg also ein. Ich war der einzige Passagier in der Maschine. Als die anderen kamen warfen sie mir bewundernde Blicke zu, da sie ja nicht wissen konnten, dass ich diese Sonderbehandlung nur meiner Dämlichkeit zu verdanken hatte.