Kapitel 9 – Irkutsk

Irkutsk

Nur Reisen nach Dubna wären bald stinklangweilig geworden, da Dubna nicht direkt als Nabel der Welt zu bezeichnen war. Ich wurde während meiner Aufenthalte manchmal von dem Oberwissenschaftler in das Restaurant für Wissenschaftler eingeladen, die meiste Zeit hing ich aber in meinem Appartement herum, das auf den ersten Blick nicht mit einem Penthaus in Hollywood zu verwechseln war. Auch auf den zweiten nicht.

Also war es schon wesentlich interessanter, wenn ein Trip nach Irkutsk anstand. Kaum verbreitete sich ein ähnliches Gerücht in der Firma, ging entweder ein harter Run auf das Büro des Bosses los oder die in Frage kommenden Leute begannen, um den Boss herumzuschleichen und sich mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln bei ihm einzuschleimen. Ich war daran weniger beteiligt, weil ich immer sehr früh wusste, wer dorthin fahren wird: nämlich ich. Das lag vermutlich an meinem überwältigenden Charme und/oder an meinem extremen Wissen oder vielleicht auch nur an meiner Verfügbarkeit. Tatsache ist, dass ich den ersten Trip und dann noch weitere nach Irkutsk machte.

Irkutsk hat interessante Seiten. Es ist die größte Stadt Sibiriens, liegt an der Angara, der einzige Abfluss des riesigen Baikalsees und inmitten von Birkenwäldern. Irkutsk hatte damals in den 70er Jahren bereits Tourismus, was wahrscheinlich darauf zurückzuführen war, dass es an der Transsibirischen Eisenbahn liegt. Dementsprechend hatte Irkutsk auch eines der besten Hotels, in denen ich in der Sowjetunion nächtigen durfte. Alles zusammen genommen war Irkutsk immer ein Aufenthalt, für den sich das Rennen oder Schleimen lohnte.

Ein Angebot in Irkutsk

Ich war schon immer ein Dresser, d.h. es wurde geraunt, dass ich auch als Dressman ein Vermögen machen könnte. Als ich das erste Mal in Irkutsk ankam, war es schon einigermaßen warm und ich hatte meinen feinen Camel-Safarianzug, meine besten, weichen, hellbraunen Stiefeletten und meine heiße Porsche-Sonnenbrille mit.

Eines Tages schlenderte ich in diesem heißen Outfit durch die Straßen der Stadt, denn man will ja schließlich gesehen werden. Plötzlich wurde ich von einem Russen dezent angesprochen. Die Verständigung war nicht gerade optimal, da ich nicht Russisch konnte und sein Englisch noch keinen Reifegrad erreicht hatte. Nach längerem Palaver wurde mir klar, dass er ganz scharf auf meine Sonnenbrille und meinen Safarianzug war. Ich sollte ihm beides verkaufen, er würde einen enormen Preis dafür bieten. Mit der Sonnenbrille wäre der Handel noch durchzuführen gewesen: ich hätte ihm die Brille ausgehändigt und er hätte mir das Geld gegeben und danach hätten sich unsere Wege wieder getrennt. Ich versuchte ihm klar zu machen, dass ich nicht die Absicht hatte, meinen Anzug mitten in Irkutsk auszuziehen, um ihn ihm zu übergeben. Er hatte sofort die Lösung für dieses Problem. Er wollte mit mir ins Hotel gehen, dort könnte ich ihm den Anzug geben. Dieses Geschäft scheiterte an zwei Problemen. Ich wollte weder meine Sonnenbrille noch meinen Anzug verkaufen und auf keinen Fall wollte ich, dass der Typ zu mir ins Hotel kam. Also trennten sich hier unsere Schicksale. Aus dem Handel wurde nichts.

Der Computer kommt nach Irkutsk

Wenn unsere amerikanischen Verkäufer den Russen einen großen Computer zum dreifachen Preis angedreht hatten, musste das Ding auch dorthin gebracht und installiert werden. Später werde ich erzählen, dass unter Umständen schon das Hinbringen des Computers ein Problem sein kann. In Irkutsk war es nicht so, weil man eine günstige Jahreszeit gewählt hatte, d.h. im späten Frühjahr kann jeder einen Computer nach Irkutsk liefern.

Der Ablauf einer Lieferung und Installation musste genau geplant sein. Zuerst wurde das Ding von Minneapolis/USA nach Irkutsk/SU geflogen. Eigener Flieger, denn wir haben ja den Russen anständig was berechnet. Wir konnten es uns leisten. Der Computer wurde also dort ausgeladen und in einen supermodernen Computerraum gebracht, den wir in ein wackeliges russisches Gebäude gepfropft hatten.

Sobald die Ankunftszeit des Computers klar war, begann in Wien das hurtige Treiben. Es mussten nämlich an die 10 Techniker nach Irkutsk pilgern, um die Hardware-Installation durchzuführen. Bei allen russischen Einsätzen wurden für die dorthin entsandten Mitarbeiter reichlich Lebensmittel und Getränke eingekauft, damit sie dort nichts vermissten und wohlbehütet einen guten Job machen konnten. Ich komme später noch einmal auf dieses Thema zurück, weil ich einmal den Einkauf durchführen musste bzw. durfte.

Die Installation

Unsere Techniker trafen also in Irkutsk ein und begannen mit der Installation, die üblicherweise etwa 2 Wochen dauerte. Der Computerraum war mit einem Doppelboden ausgestattet. Das heißt, dass über dem Betonboden im Abstand von einem halben Meter ein weiterer Boden gelegt war, der aus einzelnen Platten bestand, die hochgehoben werden konnten, falls Arbeiten im Doppelboden erforderlich waren oder ein gekühltes Bier aus dem dort deponierten Kasten geholt werden musste. Hauptsächlich diente dieser doppelte Boden aber der Luftzirkulation, um die Geräte von unten her zu kühlen, dem Verstecken der dicken Kabel, durch die die einzelnen Geräte verbunden wurden, und eben dem Kühlen von Bier.

Der erste Job der Techniker war dann auch, die dicken Kabel zu verlegen. Sie mussten genau einem Plan folgen und beachten, dass die richtigen Verbindungen hergestellt wurden. Der schwierigste Teil der Installation war natürlich der Computer selbst. Bei den Maschinen, die wir installierten, musste die interne Verdrahtung der elektronischen Module per Hand durchgeführt werden. Das waren mehrere hundert Verbindungen, die hergestellt werden mussten. Das Hauptproblem bei dieser Arbeit waren Verdrahtungsfehler, die bei keiner Installation zu vermeiden waren.

War der Computer installiert, wurden unzählige Tests gefahren und bei Erfolg wurden die externen Geräte mit dem Computer verbunden und ebenfalls ausführlich getestet. Es musste sichergestellt werden, dass der Software-Mensch seinen Job ungestört tun konnte. Sobald der technische Projektleiter erkennen konnte, dass ein Ende der technischen Installation in Sicht war, meldete er dies nach Wien und seine Burschen beendeten ihren Job und gingen in Warteposition, d.h. in den meisten Fällen feierten sie jeden Abend ihren gigantischen Installationserfolg im Restaurant.

In Wien machte sich der Software-Mensch fertig. Er musste dem herumstehenden Blechtrottel das Leben einhauchen, d.h. die Software installieren. Ohne diese Software wäre ein Supercomputer nichts weiter als ein überdimensionierter Ofen. Auch nicht schlecht für Irkutsk aber doch etwas zweckentfremdet. Für die meisten Installationen in der Sowjetunion war ich der Einhaucher. Ich packte also meine Installationspäckchen, so etwa 20 Kartons mit Magnetbänder und Handbücher. Diese Päckchen wurden nach Irkutsk geflogen, ich musste selbst dorthin fliegen.

In Irkutsk war es wie immer, wenn ich zu einer Installation auftauchte. Die Hardware-Leute standen Spalier und salutierten, wenn ich vorbeiging. Danach jubelten und frohlockten sie, dass ich endlich gekommen war. Das war jetzt vielleicht etwas übertrieben. Es war eher so, dass sie sagten „der schon wieder“.

Ich machte mich an die Arbeit und nach etwa einer Woche lief das System, wie es von ihm und mir erwartet wurde. Jetzt feierte auch ich jeden Abend im Restaurant meinen Installationserfolg. Danach kam etwas, was ziemlich gefürchtet war, nämlich die Abnahme durch den Kunden. Dieser Vorgang wurde Acceptance-Test genannt, d. h. der Kunde musste genauestens überprüfen, ob alle vereinbarten Operationen erfolgreich durchgeführt werden konnten und anschließend das Abnahmeprotokoll unterschreiben.

Der Computer wird akzeptiert

Für den Test waren gewaltige Prozeduren zu durchlaufen. Jeder Schritt war genau definiert. Und nur, wenn nichts zusammenkrachte, wurde das Protokoll unterzeichnet. Das war der Moment, wenn wir den Computer los waren, die Russen bezahlen mussten und wir zu nichts mehr gezwungen werden konnten.

Zu diesen Abnahmetests kamen immer die wichtigsten Leute vom Kunden und von unserer Firma und die Leute, die die Arbeit gemacht hatten. Auf unserer Seite waren die wichtigen Verkäufer da, ein wichtiger Projektmanager, den niemand vorher gesehen hatte, und noch einige Wichtige, ohne die es nie ein Erfolg geworden wäre.

Der Test in Irkutsk begann um 8:00 Uhr morgens und dauerte etwa bis Mittag. Alles lief wie geschmiert und alle freuten sich gewaltig. Zu Mittag glaubten wir, dass es jetzt ein passendes Festmahl geben würde und nach der stressbedingten Appetitlosigkeit der letzten Tage, warteten wir schon sehnsüchtig auf den Beginn der Festivitäten.

In diesem Fall hatten wir uns aber getäuscht. Wir wurden in ein riesiges Zimmer geführt, in dem ein riesiger Tisch mit vielen Stühlen stand. Auf dem riesigen Tisch stand die größte Menge Wodkaflaschen, die ich je gesehen hatte. Vor jedem Stuhl stand auf dem Tisch eine Art Wasserglas von beachtlicher Größe. Als wir alle Platz genommen hatten, wurden die Wassergläser mit echtem russischem Wodka randvoll gefüllt.

Das Oberhaupt des Kunden stand auf und hielt eine kurze aber starke russische Rede, in der es in erster Linie um die gute Freundschaft zwischen den Amerikanern und den Russen ging, um die extrem gute Zusammenarbeit und Völkerverständigung im Allgemeinen. Die Menschen aus Wien, die die Arbeit gemacht hatten, gingen in der Beschwörung der Freundschaft unter. Zum Schluss brachte er einen Toast aus, hob seinen Monsterbecher und schüttete die gewaltige Menge Wodka in sich hinein. Wir alle mussten es ihm gleich tun. Wer in Russland sein Glas nicht in einem Zug leert, gilt als Weichei, Verräter, Frauenversteher, Warmduscher oder ähnliches.

Der Wodka war mit Sicherheit nicht vertan. Weil es ihm anscheinend in unseren leeren Mägen nicht sehr gefiel, schoss er direkt in unsere Köpfe und schlug dort zu. Jetzt stand unser Projektmanager auf. Er hielt eine Rede, die mit Ausnahme, dass sie auf Englisch war, der russischen sehr, sehr ähnlich war. In der Zwischenzeit waren die Kelche wieder gefüllt worden und der Projektmanager nutzte diesen Umstand, um ebenfalls einen Toast auszubringen und den Wodka, wie er es gesehen hatte, zu vernichten. Wir vernichteten ebenfalls ungehemmt.

Auf der russischen Seite stand die Nummer Zwei auf und die Prozedur wiederholte sich. Dann waren wir wieder dran. Statt an eine Feier zur Abnahme des Computers erinnerte mich das Ereignis langsam an brutales Kampfsaufen. Je weiter es in der Hierarchie nach unten ging – jeder musste einen Toast ausbringen – desto kürzer und undeutlicher wurden die Reden. Eindeutig zuerst auf unserer Seite.

Ich fühlte, wie ich langsam den Geist aufgab. Neben mir saß ein Verkäufer, der mich echt überraschte, da er auch nach der sechsten Runde noch immer freundlich lächelte und auch sonst den Eindruck machte, als wäre er noch da. Beim nächsten Toast beobachtete ich ihn: Er hob sein Glas und wenn alle den Kopf nach hinten warfen, um wieder die Leber zu erschrecken, kippte er den Wodka unter seinem Stuhl in den dicken Teppich. Dann knallte er als erster sein leeres Glas auf den Tisch und wischte sich den Mund ab. Ab sofort tat ich es ihm gleich und konnte so den Tag noch halbwegs retten. Als wir gingen, war der rote Teppich unter unseren Stühlen verdächtig dunkel. Aber wir gingen noch.

Nach dem Abnahmetest und der langsamen Genesung davon begann für die Hardware-Gruppe und für mich ein ruhiges Leben. Wir hatten relativ wenig zu tun. Wir saßen herum und warteten auf Probleme, die wir beheben sollten. Wir hatten jetzt allen Grund, jeden Abend im Restaurant unseren gewaltigen Erfolg zu feiern und wir taten das ausführlich.