Kapitel 8 – Kollege Walter

Walters Integration in Russland

Wir hatten einen Techniker namens Walter, der sich mit der russischen Mentalität und den herrschenden Sitten und Gebräuchen besonders schnell anfreundete. Er lernte in relativ kurzer Zeit so viel Russisch, dass er sich notdürftig unterhalten konnte. In uns keimte der Verdacht, dass er vielleicht Vorfahren aus dieser Gegend haben könnte. Auch seine Kleidung passte er immer mehr dem landesüblichen Stil an.

Ich war einmal mit ihm auf einem Einsatz in Moskau. Es hatte um die 30 Grad minus und wir lustwandelten über den roten Platz. Unser Techniker hatte auch sein Schuhwerk aus der sowjetischen Produktion bezogen. Während wir durch den Schnee stapften, hörte ich plötzlich ein lautes Knacken. Mein Begleiter blieb unvermittelt stehen und senkte langsam seinen Blick zu seinen Füssen. Ich blickte in die gleiche Richtung und traute meinen Augen nicht: Die Spitze seines rechten Schuhs war einfach abgebrochen und seine nur noch von Socken bedeckte Zehen krümmten sich in der Kälte. Zum Glück waren wir nicht weit von unserem Hotel entfernt und so schaffte er es zurück ohne größere Erfrierungen zu erleiden.

Eine schöne Eigenschaft von Walter war, dass er dem russischen Brauch folgte und immer zumindest eine Plastiktüte bei sich trug. Wir fanden heraus, dass er fast in der ganzen Stadt bekannt und beliebt war, weil er vielen Russen neue Plastiktüten schenkte, die wir aus Wien mitgebracht hatten.

Dass er aber immer eine Plastiktüte bei sich trug, hatte einen anderen Grund. Manchmal hielt ein Lkw auf einem belebten Platz oder auf einer Hauptstraße, die Plane wurde zurückgeschlagen und ganz seltene Güter kamen zum Vorschein. In kürzester Zeit bildete sich eine Schlange von Menschen, die in der glücklichen Lage waren, eine Plastiktüte mit sich zu führen. Auch Walter war mit seiner Plastiktüte blitzschnell in die Schlange eingegliedert und wartete geduldig bis er an der Reihe war. Auf diese Art und Weise ergatterte er manchmal frisches Obst, Hühner und ähnliches.

Walters erfolgreicher Einkauf

Einmal kam Walter von einem ähnlichen Einkaufstrip in mein Hotelzimmer und schleppte eine prall gefüllte Plastiktüte mit sich. Mit stolzgeschwellter Brust zog er aus der Tüte einen länglichen Gegenstand, der in braunes Packpapier eingewickelt war. Sofort verbreitete sich ein kräftiger Geruch, der mich ahnen ließ, was in dem Papier verborgen war. Walter öffnete das Packpapier und meine Ahnung bestätigte sich. Er hatte von einem dieser Verkaufslastwagen einen ganzen geräucherten Lachs erstanden. Auf seinem Weg zurück ins Hotel hat er dann noch frisches Brot gekauft.

Walter war auch sehr vorausschauend. Er ahnte, dass uns durch die Menge Lachs, die wir essen würden, vielleicht sehr schlecht werden könnte, da Lachs ja bekanntlich sehr fett ist. Also erstand er auch noch eine Flasche Wodka. Wir setzten uns an den Tisch und säbelten dicke Scheiben vom Lachs herunter. Dazu schmeckten das Brot und der Wodka ganz ausgezeichnet. Dank Walters Voraussicht hatten wir danach auch keinerlei Probleme; zumindest nicht vom Lachs. Den Rest des Fisches nahmen wir am nächsten Morgen mit in unser Büro, wo auch der Rest der Mannschaft noch genug abbekam – allerdings ohne Wodka. Walter wurde wieder einmal zum Spitzeneinkäufer ernannt und mit Lob überhäuft.

Walter in Love

Walter war immer gerne in der Sowjetunion. Einmal war er sehr lange an einem Ort und knüpfte zarte Bande mit einer toll aussehenden Russin. Sie hatte lange blonde Haare und eine Superfigur. Sie war richtig Klasse. Uns machte es ein wenig stutzig, dass sie sich eindeutig für Walter entschieden hatte, da er nicht gerade ein Model-Typ war. Er war vom Aussehen her eher der durchschnittliche Typ. Besonders litt seine Erscheinung, wenn er längere Zeit ohne Unterbrechung in Russland war. Er hatte nun mal die Tendenz sich seiner Umgebung anzupassen. Trotzdem liebte Tanja unseren Walter anscheinend aus ganzem Herzen.

Sie waren bald unzertrennlich. Wenn Walter nicht arbeiten musste, war Tanja bei ihm. Wenn Walter eine Einkaufstour unternahm, begleitete ihn Tanja, wenn Walter am Abend seinen Auftritt im Restaurant hatte, folgte ihm auf den Fuß Tanja. Diese Umstände waren aber nicht weiter beunruhigend, da es häufiger vorkam, dass manche unserer Österreicher für die Dauer ihres Aufenthalts die Völkerverständigung mit einigen Russinnen zu kräftigen versuchten.

Beunruhigend wurde es erst als Walter mir mitteilte, dass er die Absicht hatte, Tanja mit nach Österreich zu nehmen und zu seiner Gemahlin zu machen. Zuerst dachte ich an einen Scherz, aber Walter nahm mir diese Hoffnung, indem er mir in allen Details sein Vorgehen schilderte. Ich bin kein negativ eingestellter Typ. Ich versuche meistens auf das Positive zu achten. Aber in diesem Fall wurde mir angst und bange. Ich sah in einem inneren Film wie Walter und Tanja in Österreich zusammenleben würden und welche Komplikationen möglich sein könnten. Ich hatte aber nicht das Bestreben Walter meine Bedenken mitzuteilen. Er war einfach abgehoben und jeder Versuch, ihn umzustimmen hätte mit Sicherheit meinen Ausschluss aus seinem Freundeskreis bedeutet. Auf der anderen Seite gab es auch noch die Möglichkeit, dass ich in diesem Fall doch etwas zu dunkle Visionen hatte und die beiden es schon irgendwie richten würden. Es blieb immer noch die Hoffnung, dass mit der Zeit diese Idee verblassen würde und Walter doch alleine nach Österreich zurückkehren würde.

Daraus wurde nichts. Nachdem unser Einsatz beendet war, kehrten wir ohne Walter nach Wien zurück. Er hatte um eine Verlängerung seines Visums angesucht, um alle Formalitäten für die Ausreise Tanjas erledigen zu können. Und es gelang ihm tatsächlich. Einige Wochen später kam er mit Tanja in Wien an.

Walter heiratet

Walter war enorm stolz auf seine Eroberung und ehelichte sie schnellstens. Tanja war von Wien und den Lebensumständen im Westen allgemein begeistert. Endlich konnte sie sich jeden Tag die Haare mit einem wohlriechenden Mittel waschen, wobei es ihr nichts ausmachte, dass es sich um Walters Rasierschaum handelte. Der Westen war so überwältigend für sie, dass sie manchmal kräftig über das Ziel hinausschoss. Deutlich wurde dies bei den Schaufensterbummeln. Sie wollte so ungefähr alles haben, was sie sah. Ihr ging es nicht in den Kopf, dass diese Sachen Geld kosten und dass man dieses erst verdienen musste.

In der ersten Zeit erzählte uns Walter fast täglich eine neue Geschichte, wie Tanja sich in den Westen eingewöhnte. Die Geschichten erheiterten ihn und uns, da sie meistens darauf beruhten, dass Tanja irgendetwas vertauschte und daher nicht ganz richtig einsetzte. Mit der Zeit wurden die Geschichten seltener und hörten schließlich ganz auf. Walter fand sie nicht mehr lustig. Der Höhepunkt und die letzte Erzählung waren, dass Tanja seine sündteure Stereoanlage zerstört hatte. Sie hatte beim Saubermachen die Kabel herausgerissen und bei der anschließenden Installation einige dieser Kabel vertauscht. Er erzählte etwas von Audiokabeln verbunden mit dem Stromnetz.

Bald war Tanja vom Leben im Westen und damit zusammenhängend auch von Walter frustriert. Sie stellte fest, dass es zwischen der Sowjetunion und dem Westen auch einige Ähnlichkeiten gab. In der Sowjetunion konnte man Vieles nicht kaufen, weil es nichts gab. Im Westen konnte man Vieles nicht kaufen, weil es am nötigen Geld fehlte. In einem Gespräch zu diesem Thema erklärte Walter ihr, dass er Tag und Nacht arbeiten müsste, um ihre Wünsche zu erfüllen. Tanja fand diese Idee nicht schlecht. Nach diesem Gespräch war Walter am Morgen meistens der Erste in der Firma und blieb dafür etwas länger. Er magerte etwas ab und seine ruhige Frohnatur verwandelte sich in stumpfe Resignation.

Wie ich später noch erzählen werde, habe ich kurz darauf die Firma verlassen und Walter und Tanja aus den Augen verloren. Manchmal habe ich danach schon daran gedacht, ob es nicht besser gewesen wäre, Walter meine Schreckensvisionen von ihrem Zusammenleben schonend näher zu bringen. Ich bin aber sicher, dass ich sowieso keinen Erfolg damit gehabt hätte.