Kapitel 7 – Kollege Hubert

Huberts Aktionen

Ich möchte an dieser Stelle einige Anekdoten über einen Kollegen erzählen, mit dem ich längere Zeit zusammenarbeitete und der auch einmal mit mir in der Sowjetunion war. Sein Name war Hubert. Erstens finde ich, dass etwas Pause von den Computergeschichten angebracht ist und zweitens gipfelten Huberts Aktionen auf einem Flug nach Moskau.

Hubert war etwas gestört, was manchmal an seinen eigenartigen Handlungen zu erkennen war. Wenn wir zusammen arbeiteten, gab es keine Probleme. Er agierte wie ein fast normaler Mensch. Wenn wir aber in unserer Freizeit zusammen waren, ließ er schon einige Hämmer los. Einmal waren wir in einem Restaurant der Mittelklasse zum feierabendlichen Essen und Trinken. Wir saßen also gemütlich beim Tisch, tranken unser wohlverdientes Bierchen und unterhielten uns ganz zwanglos. Hubert schien nicht ganz bei uns zu sein. Mit etwas abwesendem Blick baute er aus Bierdeckeln ein schönes großes Haus. Es war ein mächtiger Turm und Hubert blitzte der Stolz aus den Augen. Er gab sich wirklich Mühe und da er zu diesem Zeitpunkt niemanden störte, mussten wir ihn nicht weiter beachten. Als wir und das ganze Lokal ihn beachten mussten, war es bereits zu spät. Hubert hatte ein Feuerzeug aus der Tasche genommen und seinen schönen Turm, auf den er so stolz war, einen Raub der Flammen werden lassen. Nicht nur uns packte das kalte Entsetzen. Der Turm brannte beachtlich und stürzte dann ein. Ein kleines Glück war, dass es in dem Restaurant keine Tischdecken gab und die Turmruinen auf die Tischplatte aus Kunststoff stürzten.

Hubert war noch stolzer geworden. Die Freude leuchtete ihm aus den Augen, wie einem kleinen Kind am 24. Dezember. Er konnte nicht verstehen, warum wir eine Minute später auf der Straße standen. Und dass wir standen war noch sehr freundlich von dem übergewichtigen Restaurantbetreiber. Er hätte uns ja auch im wahrsten Sinne des Wortes raus werfen können.

Ich kann mich nicht erinnern, dass ich jemals wieder in die Nähe dieses Restaurants gekommen wäre. Mit Hubert wollte in den nächsten Tagen keiner von uns so richtig reden, was er auch nicht verstehen konnte.

Hubert und sein Auto

Hubert war manchmal auch vom Pech verfolgt. Er fuhr damals einen NSU Ro80. Ich glaube das war das einzige Auto, das je in Europa mit einem Wankelmotor gebaut wurde. Für diejenigen, die mit dem Begriff Wankelmotor nicht viel anfangen können: Dieser Motor hat keine Kolben, die rauf- und runterrasen, oder nach links und rechts boxen, sondern in der Mitte des Motors ist eine Scheibe, die sich dreht, wenn der Motor läuft, genauer gesagt, damit der Motor läuft. Die drehende Bewegung wird durch die Zündungen erzeugt und irgendwie auf die Räder übertragen, die sich dann auch drehen. Das Auto fährt also.

Huberts Auto war ein schönes großes Auto und wieder einmal war Hubert sehr stolz auf etwas. Aber nur bis zu dem Tag, an dem er erfuhr, dass die ersten Wankelmotoren leichte bis schwere Probleme hatten. Die Scheibe in der Mitte des Motors hörte bei den meisten Autos auf, sich zu drehen, damit hörten auch die Räder auf sich zu drehen und das Auto blieb stehen. Der Motor war kaputt.

NSU war aber eine kulante Firma und tauschte die Motoren der ersten Serie aus, wenn sich die Scheibe im ersten Jahr für immer aufhörte zu drehen.

Hubert hörte also von der Austauschaktion und war sofort sicher, dass sein Auto zu den Kandidaten für einen Tauschmotor gehörte. Sein Ro80 war ein halbes Jahr alt und mit Sicherheit einer der allerersten. Er überlegte kurz, was zu tun wäre. Würde er den Wagen weiter fahren wie bisher, könnte es passieren, dass der Motor seinen Geist erst nach dem ersten Jahr aufgibt und Hubert dann die Reparatur selbst bezahlen müsste. Blitzschnell kam er daher auf die Lösung. Wenn er den schwächelnden Motor etwas brutaler hernehmen würde, war es sehr wahrscheinlich, dass der Scheibeninfarkt schneller eintreten und Hubert bzw. sein Auto einen kostenlosen Austauschmotor bekommen würde.

Hubert quälte also sein Auto. Er fuhr häufiger im ersten Gang mit einer Geschwindigkeit, bei der andere überlegten, ob sie auf die Vierte schalten sollten. Auf der Autobahn knüttelte er das geschändete Gefährt mit voller Geschwindigkeit, um dann plötzlich, wenn niemand hinter ihm war, den dritten Gang hineinzuwürgen. Das Schmerzensgebrüll des Ro’s war kilometerweit zu hören. Hubert tat dies sehr weh, aber er biss die Zähne zusammen und wusste, dass er da durch musste.

Das Ende des ersten Jahres kam immer näher. Hubert bekam häufiger Panikattacken. Der Ro wollte nicht sterben. Hubert begann an seiner Strategie zu zweifeln und behandelte zeitweise das Auto mit der ihm zustehenden Zärtlichkeit. Dann kam wieder ein Schub reinster Brutalität und er quälte das Gefährt wieder. Es war nicht zu ändern, das Jahr ging zu Ende und der Ro80 versah noch immer treu seinen Dienst. Hubert fügte sich also in sein Schicksal und behandelte ab diesem Zeitpunkt sein Auto, wie man einen Freund behandeln sollte. Drei Monate später war der Motor kaputt und Hubert deutlich ärmer. Es schien als hätte der Ro80 nur auf eine Gelegenheit für seine kalte Rache gewartet.

Hubert der Tierfreund

Bevor Huberts Auto sich ihm gegenüber verräterisch verhielt, hatte dieser noch ein interessantes Erlebnis. Hubert war ein extremer Tierfreund. Eines Tages fand er bei einem Spaziergang einen Raben, der nicht abheben konnte. Hubert diagnostizierte gebrochener Flügel, es hätte aber auch etwas anderes sein können. Er schnappte sich den Raben, der von der neuen einseitigen Freundschaft nicht total begeistert war und sich entsprechend wehrte. Unser Kollege hatte sich aber in den Kopf gesetzt, den Vogel unbedingt zu retten. Er ging davon aus, dass dieses Tier keine Ahnung hatte, welches Glück ihm widerfuhr. Er nahm also den kleinen Krüppel trotz vehementer Gegenwehr mit nach Hause. Zuhause angekommen, stand Hubert vor dem Problem, wo er seinen Gast unterbringen könnte. Im Haus wollte er ihn nicht haben. Da fiel ihm ein, dass der Rabe ja nicht fliegen konnte und er ihn auch ganz einfach in seinem Vorgarten herumlaufen lassen konnte. Also stellte er einen großen Karton, in den er ein Loch gemacht hatte, in den Vorgarten und versuchte dem klugen Vogel klar zu machen, dass dies seine provisorische Behausung wäre. Dieser ignorierte Huberts Bemühungen vollkommen, hüpfte aber nach einiger Zeit in dem Garten herum.

Bald sprach sich in der Siedlung, in der sie Hubert wohnen ließen, herum, dass ein kleiner Zoo eröffnet hatte. Die Leute strömten mit ihren Kindern herbei, um den neuen Mitbewohner zu sehen. Wie es sich gehört, brachten die meisten auch Futter für Kralle (so hatte Hubert den Vogel still und heimlich getauft) mit. Es schien, dass niemand so richtig wusste, was ein Rabe am liebsten frisst. Es war daher nicht verwunderlich, was alles über Huberts Zaun flog. Es begann mit Salat, Karotten und alles mögliche andere Gemüse. Dabei wurde nicht unbedingt darauf geachtet, dass nur frische Ware angeliefert wurde. Einige wollten es besonders gut machen und brachten Kralle Fleisch mit, wieder andere dachten, dass so ein großer Vogel lieber ganze Tiere fressen müsste und warfen halb- oder ganz tote Mäuse und sogar Ratten über den Zaun.

Um es kurz zu machen: Huberts Vorgarten begann nach einiger Zeit wie eine mittlere Mülldeponie zu riechen. Der Reiz des neuen verflog schneller als der Gestank und die Nachbarn begannen zu intervenieren, dass Hubert eine Lösung finden müsste. Er dachte auch darüber nach und kam zu dem Entschluss, dass er den Vogel auswildern sollte. Aber ein Rabe der nicht fliegen kann, hat relativ wenige Chancen in der bösen Welt. Er musste Kralle seine Flugfähigkeit zurückgeben und der erste Schritt war ein Besuch beim Tierarzt. Er packte also Kralle in seinen Ro80 und startete Richtung Doktor. Kralle gefiel der Aufenthalt im Ro80 nicht. Erst hüpfte er aufgeregt herum und dann, nachdem er festgestellt hatte, dass sein Freund sich nicht richtig wehren konnte, begann er auf Hubert einzuhacken. Hubert steuerte also mit einer Hand das Auto, mit der anderen versuchte er Kralle abzuwehren. Der Rabe wurde dadurch noch aggressiver oder fand, dass dieses Spiel was für sich hatte und hackte fester und schneller auf Hubert ein. Hubert konzentrierte sich immer weniger aufs Autofahren und nach längerem Kampf hörte er ein infernalisches Geräusch, das eindeutig von seiner rechten Autoseite kam. Er hatte ein Verkehrsschild gestreift. Er hielt an, um den Schaden zu überprüfen, stieg aus und wäre fast umgefallen, denn der Schaden war beachtlich.

In seiner Aufregung hatte er Kralle vergessen und die Autotür offen gelassen, Während er noch mit Tränen in den Augen vor seinem ganzen Stolz stand, entschied Kralle für sich, dass es an der Zeit wäre, Hubert die Freundschaft zu kündigen und seiner Wege zu gehen. Was er auch tat. Hubert sah ihm nach, wie er so davon hüpfte und war nicht sehr traurig darüber. Plötzlich machte Kralle einige seltsame Bewegungen und langsam, ganz langsam stieg er in die Lüfte. Hubert sah ihm mit offenem Mund nach. Ich glaube, er hat bis heute nicht verstanden, was da abgelaufen ist. Seit diesem Zeitpunkt hat Hubert keinem Vogel mehr vertraut.

Der Flug

Einmal flogen Hubert und ich in einer Tupolev nach Moskau. Ich saß neben Hubert und spürte fast körperlich, wie er sich zu langweilen begann. Bestimmte Anzeichen meldeten mir, dass höchste Aufmerksamkeit angebracht war; Hubert arbeitete an einem Plan.

Er saß beim Fenster und blickte gelangweilt hinaus, Der Rahmen seines Fensters klapperte etwas und das war nach einiger Zeit ganz schön nervig. Hubert stand auf und holte seine Tasche aus dem Gepäckbehälter und aus der Tasche ein Schweizer Armeemesser. Er verstaute die Tasche wieder und setzte sich. Bedächtig begann er die Schrauben, die den Fensterrahmen halten sollten, festzuziehen. Sein Messer hatte den passenden Schraubenzieher und so waren seine Bemühungen von Erfolg gekrönt. Das Klappern hörte auf. Hubert war zufrieden und wieder einmal stolz.

Nach einiger Zeit fiel ihm auf, dass auch der Rahmen des Fensters in der Reihe vor uns klapperte. Hubert riss die Geduld. Er stand auf, ging zu der nächsten Reihe und sagte „Excuse me.“ Er drängte sich in die Reihe und drehte auch dort die Schrauben fest. Da er jetzt ein Stück weiter vorne war, fiel ihm auch das Klappern in der nächsten Reihe auf. Er dachte, dass es für ihn jetzt unmöglich wäre, ganz einfach aufzuhören. Was würden die Leute in den anderen Reihen denken? Wieso bekamen die Passagiere, die unmittelbar vor uns saßen, diese Sonderbehandlung? Warum war ihm das Schicksal der anderen Mitreisenden egal?

Hubert konnte diese im Flugzeug hängenden Fragen nicht ertragen. Also machte er sich auf, alle klappernden Rahmen festzuschrauben. Eigenartigerweise zeigte keiner der Passagiere irgendeine Form von Dankbarkeit. Nein, einige blickten Hubert sogar konsterniert an. Die Stewardessen sahen mit offenem Mund zu. Sie waren für alle möglichen Notfälle und kritische Situationen ausgebildet worden, aber nicht für einen Hubert.

Irgendwann reichte es ihnen und sie baten Hubert, wieder Platz zu nehmen. Hubert war jetzt sehr enttäuscht. Er hatte eigentlich Dankbarkeit und Anerkennung erwartet. Mit frustriertem Gesicht setzte er sich auf seinen Platz. Nach diesem Erlebnis gelang es mir zum Glück immer, Flüge mit Hubert zu vermeiden.