Kapitel 6 – Österreich und Ljubljana

Wien, KarlskircheZurück nach Österreich

Eines Tages läutete mein Telefon und ein Freund aus Österreich, der bei der gleichen Firma in Wien arbeitete, fragte mich, ob ich vielleicht, eventuell oder überhaupt schon einmal den vagen Gedanken gehabt hätte, nach Österreich zurückzukehren. Die Vorsicht war am Platz, denn auch innerhalb der Firma war es nicht die beste Idee, Abwerbung zu betreiben. Die Wiener Bosse hatten von meinem Freund gehört, dass ich Ahnung hatte und da die österreichische Niederlassung Spezialisten für die Sowjetunion brauchte, kam es zu dieser Aktion.

Nach einigen weiteren Geheimbesprechungen und Konferenzen mit meiner Frau, entschlossen wir uns, in die teure Heimat zurückzukehren. Beeinflusst wurde unser Entschluss eindeutig durch ein starkes finanzielles Angebot.

Bevor wir in unsere Heimat verschleppt wurden, erkundigte ich mich, wie wir in Österreich unseren Traum – einen Bauernhof zu kaufen und selbst herzurichten – verwirklichen könnten. Wenn man sich in Wien nicht wirklich bei den zuständigen Stellen erkundigt, sondern nur die nächste Umgebung befragt, bekommt man verschiedene Aussagen, die alle etwas unterschiedlich und deutlich von der Meinung des Befragten gefärbt sind. Nur in besonderen Glücksfällen entsprechen einige wenige den Tatsachen. Ich holte also bei meinen Bekannten und Verwandten Informationen über die Möglichkeiten der Verwirklichung unseres Traumes ein. Fast alle Aussagen wiesen darauf hin, dass zu dieser Zeit in Österreich den Häuselbauern und Renovierern das Geld praktisch rein geschoben wurde. Man bräuchte nur ein Haus zu kaufen, sich bei der zuständigen Stelle anzumelden und schon würde das Geld in Unmengen herangekarrt werden.

Das passte also gut zu unseren Rückkehrplänen. Wir kamen nach Wien. Die ersten Wochen wohnten wir in einer Suite im Hilton Hotel, die von meinen neuen Bossen bezahlt wurde. Dieser Umstand steigerte ganz gewaltig mein Selbstvertrauen, da mir dadurch signalisiert wurde, wie enorm wichtig ich für den Fortbestand der Firma ja vielleicht sogar der amerikanischen Wirtschaft war.

Der Bauernhof

Wir begannen sofort mit der Suche nach einem Bauernhof. Es zeigte sich schon bei den ersten Bemühungen ein Problem – wir hatten überhaupt kein Geld, um irgendetwas zu kaufen. In solchen Situationen wachse ich manchmal über mich hinaus. Ich verhandelte mit einigen, eigentlich vielen Banken und wir kamen schließlich zu einem Ergebnis. Über drei Ecken bekamen wir ein Darlehen, das uns die Möglichkeit gab, einen Bauernhof zu erstehen. Jede dieser Ecken hatte nur ein Ziel, nämlich so viel wie möglich abzugreifen und ich war das Ziel ihrer Griffe. Die Finanzierungskosten waren schlicht ungeheuerlich. Wir hatten zu dieser Zeit weder Ahnung von Finanzierung noch von Bauernhöfen. Daraus ergibt sich, dass die Katastrophe vorprogrammiert war.

Wir fanden einen Bauernhof nördlich von Wien, der vor etwa 100 Jahren bessere Zeiten gesehen hatte. Für uns entsprach es fast unserem Traum (die Betonung liegt auf fast). Als wir den Bauernhof besichtigten, hatten wir unsere beiden Kurzhaardackel mit. Der eine war ein sehr sanftmütiger und überlegt handelnder Hund. Bevor der zweite Dackel dazukam, lebte er sogar mit einem Kater zusammen und die Beiden schliefen in einem Körbchen. Sein Name war Goliath. Der zweite Dackel, wie könnte es anders sein, sein Name war David, war eine echte Kämpfernatur, ein echter Killer. Goliath war der elegante, intelligente und coole Gentleman. David schien manchmal etwas zurückgeblieben. Er war eher der einfältige Draufgänger. Die beiden waren also dabei als wir den Bauernhof besichtigten.

Der Bauer zeigte uns die Stallungen und als er eine der Türen öffnete, entdeckte David, dass sich einige Küken darin bewegten. David fackelte nicht lange. Er stürzte in den Stall und auf die Kücken, um gleich die Rollenverteilung klar zu machen. Bevor ich ihn packen konnte, waren es zwei oder drei Küken weniger. Der Bauer war erbost, meine Frau und ich betroffen und David noch immer in Kämpferstimmung. Goliath ließ das alles kalt. Er konnte anscheinend seinen jüngeren Bruder, das war David nämlich, nicht verstehen. Langer Rede kurzer Sinn, durch dieses Vorkommnis fühlten wir uns mehr oder weniger verpflichtet, dem Bauern den Hof abzukaufen. Sobald wir den Kaufvertrag unterschrieben hatten, stellten wir fest, dass wir kein Geld für die Renovierung bekommen würden, da ich zu viel verdiente. Es ist alles relativ.

Beruflich machte ich in Wien so meine Erfahrungen, die nicht immer zu meinem Wohlbefinden beitrugen. Dazu die folgende Anekdote.

Einsatz in Ljubljana

Mein Chef teilte mir eines Tages mit, dass ich nach Ljubljana im damaligen Jugoslawien reisen sollte, um eine Präsentation über das Betriebssystem NOS für Großcomputer zu halten. Aufklärend machte ich ihn darauf aufmerksam, dass ich ein NOS-BE-Mensch und nicht einer von der NOS-Seite sei. NOS-BE und NOS waren zwei unterschiedliche und sehr komplexe Betriebssysteme. Mein Chef war ein guter Tennisspieler und trainierte die Tochter seines Chefs. Das war der eigentliche Grund dafür, dass er mein Chef geworden war. Außerdem war man mit Sicherheit der Meinung, dass er auf dieser Position wenig Schaden anrichten konnte. Kurz gesagt, er hatte nicht viel Ahnung was NOS oder NOS-BE war und war sich daher auch nicht im Klaren, dass es zwischen den beiden Systemen mehr Unterschiede als die beiden Buchstaben gab. Eher tendierte er dazu zu glauben, dass NOS einfacher sein müsste, da es ja zwei Buchstaben weniger hatte.

Auf meinen Einwand kam seine aufmunternde Antwort, dass es sich bei den Teilnehmern an der Präsentation in erster Linie um einige unbedarfte Studenten handle, die ich mit meinem Wissen und meinem sprichwörtlichen Charme (das kam nur in ähnlicher Form von ihm) ganz einfach einwickeln könnte.

Ich machte mich also frohen Mutes auf meine Reise und ahnte nichts Böses. Das änderte sich sehr schnell, als ich bei dem Kunden – einer Universität – in einen Hörsaal geführt wurde, der zum Brechen mit Studenten und anderen Menschen vollgepackt war. Alle blickten mit gewaltiger Hochachtung auf mich, da ich als der Über-NOS-Experte angekündigt worden war. Ich hatte zu diesem Zeitpunkt nur eine Befürchtung, nämlich dass jeder der Anwesenden sehen könnte, wie kräftig ich am Schlucken war.

Ich wurde also zu einem Rednerpult geführt. Jeder der schon einmal in einem Hörsaal einen Vortrag gehalten hat, weiß, wie man sich da unten fühlt, während sich die Wissbegierigen im Hochnebel verlieren. So klein kann man sich, wenn man nicht weiß, worüber man reden soll, nirgendwo sonst fühlen. Da mir die Worte meines Chefs von wegen unbedarften Studenten in den Ohren klangen, nahm ich an, dass ihnen nicht auffallen würde, wenn ich ihnen etwas von NOS-BE erzählen würde. Außerdem war es ja gut möglich, dass sie diese Informationen auch irgendwann einmal brauchen könnten.

Ich begann also meine Ausführungen mit lauter Stimme. Meine Zuhörerschaft war anfangs vor lauter Ehrfurcht ganz still und hing an meinen Lippen. Ich erzählte den unbedarften Studenten von NOS-BE und kam richtig in Fahrt, da ich dieses Thema wirklich gut kannte. Ich legte sogar einige Emotionen in den Vortrag und mir wurde klar, dass ich den Saal auch als Experte verlassen würde.

Plötzlich eine Wortmeldung. Ich erteilte die Sprecherlaubnis und dann kam es: „Was Sie uns bisher erzählt haben, ist ja sehr interessant, aber das ist NOS-BE und wir haben NOS im Einsatz.  Können Sie bitte Ihre Ausführungen auf dieses Thema beschränken?“ Es gibt doch immer wieder einige Besserwisser in einer größeren Zuhörerschaft, die sich wohl vor den anderen profilieren wollen und keinen Wert darauf legen, Wissen auch über andere als ihre Spezialgebiete zu sammeln.

Im Bruchteil einer Sekunde, war ich wieder so klein wie am Anfang. Nein, ich war noch wesentlich kleiner. Jetzt war ich mir sicher, dass auch die nebel verschluckten Zuhörer mein Schlucken sehen und hören konnten. Geistesgegenwärtig antwortete ich, dass die Unterschiede wirklich minimal seien, dass es eigentlich kaum Unterschiede gebe, ja dass man eigentlich nur ein Betriebssystem benötigen würde.

Entweder hatte ich dem Besserwisser den Wind aus den Segeln genommen oder er wollte mich (vielleicht aufgrund meines sagenhaften Charmes) nicht weiter quälen; er antwortete nicht mehr. Ich schlug eine kurze Pause vor und verließ schwitzend den Hörsaal. Dem Ansprechpartner des Kunden teilte ich mit, dass mein Flugzeug in Kürze zurück nach Wien fliegen würde und ich noch unbedingt auf die Toilette müsste. Dort saß ich dann und zählte die Sekunden, die langsam, sehr langsam vergingen. Als es fast Zeit war zum Flughafen zu fahren, verließ ich mein sicheres Plätzchen und begab mich zurück in die Höhle des Löwen.

Aus einem nicht näher definierbaren Grund schien sich bei den unbedarften Studenten in der Zwischenzeit die Meinung verbreitet zu haben, dass ich nicht der NOS-Guru war, als der ich angekündigt war. Ich erzählte also noch einige kleine Episoden aus meiner Analytikerpraxis, die entfernt mit NOS oder NOS-BE zu tun haben könnten. Dann war es leider Zeit mich zu verabschieden. Ich kam daher zu meiner Zusammenfassung, die mit verhaltenem KnockKnock belohnt wurde.

Irgendwann kam ich wieder in Wien an. Ich erzählte meinem Chef von der blamablen Situation. Sein Trost war, dass ähnliches ihm auch schon passiert war. Nach diesem Einsatz wurde ich eigenartigerweise nie wieder nach Ljubljana gerufen.