Kapitel 5 – Wolfsburg und Hannover

Wolfsburg

Aus dieser Zeit gibt es nicht viel zu berichten. Das Prozessleitsystem wurde erfolgreich installiert und jede Menge Teststände wurden angeschlossen. Als Hybrid-Mensch, eine Kreuzung aus Hard- und Software war ich ständig im Büro neben dem Computer. Trotz der besten Tests passierte es manchmal, dass das Leitsystem einknickte und den Dienst verweigerte. Sofort wurde nach mir gerufen, um festzustellen, ob es sich um ein Hardware-Problem oder um einen Fehler im Betriebssystem handelte. Wenn ich den riesigen Computerraum betrat, verstummte jedes Geschwätz. Man wusste, dass ich in mich versinken würde, um das Problem zu lokalisieren und dazu musste ich meditierend meine Konzentration sammeln. Vielleicht ist diese Beschreibung etwas überzogen, aber so ähnlich lief es ab.

Wenn der Computer stand, standen neben den Testständen bis zu 400 Leute und warteten, dass es wieder weiter ging. Ich spürte also einen gewissen Druck auf mir lasten. Hatte ich das Problem nach 10 Minuten nicht gelöst, wurde ich aus meiner Meditation gerissen und ans Telefon gebeten. Bevor ich den Hörer aufnahm, wusste ich wer dran war. Für einen so wichtigen Kunden wie VW gab es im Headquarter unserer Firma einen eigenen Vizepräsident. Eigentlich hatte jeder wichtige Kunde seinen eigenen Vizepräsidenten. Ich glaube, es gab so an die 50 Vizepräsidenten.

Während ich mich abmühte, das Problem zu finden und einen Fehler eventuell zu beheben, hatte irgendein neidischer Verräter den VW-Vizepräsidenten in den USA angerufen und gepetzt. Kaum hatte ich „Hello“ in den Hörer geflüstert, kam die Frage, wie lange es noch dauern würde, bis der Computer wieder einsatzbereit wäre. Diese Frage ist ungefähr so intelligent, wie die Frage, wie lange die Benzinpreise stabil bleiben werden.

In den meisten Fällen antwortete ich, dass ich das noch nicht sagen könnte, aber dass ich auf dem besten Weg wäre, das Problem in den Griff zu bekommen. Er sagte dann immer „Good Luck, hurry“ und legte auf. Standen nach einer halben Stunde die Teststand-Leute noch immer untätig herum, was so viel bedeutete, dass ich das Problem noch nicht gefunden bzw. behoben hatte, wurde ich wieder ans Telefon gerufen. Dran war der VW-Vizepräsident. Er wollte wissen „What’s the problem.“ Ich wollte schon sagen, dass ich es schneller finden würde, wenn er mich in Ruhe ließe und anschließend mit mir plauschen würde. Während dieser Gespräche glaubte ich manchmal, im Hintergrund seine Frau beim Kofferpacken zu hören, damit er die nächste Maschine nach Deutschland nicht verpassen würde.

Irgendwann – manchmal schneller, manchmal weniger schnell – war das Problem gefunden und behoben und alle waren mehr oder weniger glücklich.

Nach einiger Zeit lief das System bei VW die meiste Zeit ohne Probleme. Irgendjemand kam auf die Idee, dass ich die reinste Vergeudung wäre, wenn ich weiter in Wolfsburg herumsitzen würde; ich wurde also neuen Aufgaben zugeführt.

Hannover

Ich wurde also in einem feierlichen Ritual zum Leiter der Supportspezialisten für den norddeutschen Raum ernannt. Mein Team war als klein zu bezeichnen, da ich nur einen Spezialisten zu verwalten hatte und das war ich selbst.

Mir wurde ein Büro in Hannover eingerichtet und ich nahm meinen Dienst mit voller Begeisterung auf. Ein Supportspezialist wurde gerufen, wenn einer der großen Computer seinen Dienst verweigerte und die zuständige Mannschaft das Problem nicht lösen konnte. Da ich aus der Hardware (der griffige Teil eines Computers) in die Software (der nebulose Teil eines Computers) gewechselt hatte, war ich der geeignete Mann für Probleme, bei denen sich die Hardware-Menschen mit den Software-Menschen zankten, welcher der beiden Teile nicht funktionierte und wer dementsprechend für den Streik der Maschine verantwortlich war. Wenn ich auftauchte, wurde es ruhig im Raum. Eine Art Ehrfurcht war zu spüren (zumindest spürte ich es). Sie blickten mich mit flehenden Blicken an, als könnten sie damit meine Entscheidung beeinflussen. Wenn ich sagte „die Hardware ist kaputt“, jauchzten und frohlockten die Software-Menschen, grinsten schadenfroh und gingen auf ein Bier. Wenn ich sagte, der Fehler liegt im Software-Bereich, jauchzten und frohlockten die Hardware-Menschen, grinsten schadenfroh und gingen auf ein Bier.

Ich war unbestechlich. Meine Entscheidungen waren endgültig (wie ein Schiedsrichter beim Fußball). Manchmal kam es auch vor, dass ich nicht sofort wusste was Sache war, sondern erst einmal die Situation prüfen musste. In diesen Fällen grinsten alle (außer mir) schadenfroh und gingen vereint auf ein Bier.

Mit meinen neuen Kollegen im Software-Bereich war es nicht so einfach. Da ich aus der Hardware in die Software gekommen war, wurde ich als „Halb“-Akademiker von den „Voll“-Akademikern in dieser Abteilung nicht ganz ernst genommen. Einigen von ihnen schien es unbegreiflich, wie jemand aus den Tiefen der Hardware in den Olymp der Software aufsteigen konnte.

Wenn ich nicht gerade als Supportspezialist unterwegs war, bekam ich jeden Deppen-Job, den sie auftreiben konnten und für den sie sich zu gut waren oder von dem sie keine Ahnung hatten. In dieser Abteilung konnte ich feststellen, dass ein Doktortitel in Physik oder Mathematik nicht unbedingt die beste Voraussetzung für die Entwicklung von Computerprogrammen war. Manchmal drängte sich mir der Eindruck auf, dass einige der Kollegen der Meinung waren, sie hätten mit der Erarbeitung des Doktortitels ihr Lebenswerk vollendet und dass es Zeit wäre, sich auf den Ruhestand vorzubereiten.

Mein Büro war in der Uni Hannover, wo einer unserer Computer stand. Ich war aber auch für andere Computerzentren im norddeutschen Raum für die Software-Betreuung zuständig. Es kam manchmal bis häufig vor, dass der große Computer sich weigerte, die programmtechnischen Ergüsse zukünftiger Doktoren oder bereits fertiger Wissenschaftler zu bearbeiten. Ich möchte aber unbedingt darauf hinweisen, dass diese Weigerung in Wahrheit nichts mit den Ergüssen zu tun hatte, sondern dass es in einem komplexen Betriebssystem wie für unseren Großcomputer unentdeckte Fehler gab. Der Computer streikte also manchmal. Wer Windows im Einsatz hat, weiß wovon ich rede; allerdings war es bei uns nicht so schlimm.

Wenn der große Computer abstürzte, wurde ein sogenannter Dump gezogen, d.h. dass der komplette riesige Speicher zu Papier gebracht wurde. Und das war ein beachtlicher Packen Papier. Diesen Packen bekam ich auf den Tisch geknallt und ich musste versuchen, die Ursache für den Absturz zu finden. Das konnte unter Umständen etwas mehr Zeit in Anspruch nehmen. Stürzte der Computer in dieser Zeit wieder ab, wurde wieder ein Dump gezogen und ein neuer Packen Papier auf meinen Tisch geschleudert. Manchmal kam es vor, dass ich hinter den Papierstößen nicht mehr zu sehen war. Was aber niemandem das Geringste ausmachte; außer mir.

Womit meine Software-Kollegen während dieser Zeit beschäftigt waren, konnte ich nicht herausfinden. Auf alle Fälle hatten sie nichts mit der Analyse der Dumps zu tun. Das blieb einzig und allein mir vorbehalten. Ich war also der Experte im Analysieren von Speicherausdrucken, und meine Kollegen hatten es nach einiger Zeit drauf, den Knopf zu drücken, durch den der Dump erzeugt wurde.

Eine Zeit lang wohnten wir noch in Wolfsburg und ich fuhr jeden Tag von Wolfsburg nach Hannover und am Abend wieder zurück. Als dies zu stressig wurde, suchten und fanden wir eine neue Bleibe in der Nähe von Hannover, in Alfeld an der Leine.