Kapitel 4 – Kalifornien

Kalifornien

Dann bekam meine Computerfirma einen Riesenauftrag. Für das VW-Werk in Wolfsburg, Abteilung Forschung und Entwicklung sollte ein Prozessleitsystem entwickelt werden. Das Prozessleitsystem sollte ca. 400 Teststände steuern, wodurch viele Tests, durch die dem Volkswagen der Nimbus der Unzerstörbarkeit zugeschrieben wurde (und wird), automatisch ablaufen sollten.

Beispielsweise wurde dort getestet, wie oft eine Autotür geöffnet und wieder geschlossen werden kann, ohne dass sie aus dem Rahmen fällt. Ich glaube, dass es bevor unser Prozessleitsystem installiert wurde, so oder ähnlich ablief. Zwei Mitarbeiter begaben sich zu einem Testauto, um ihre schwierige Aufgabe durchzuführen. Einer machte die Autotür auf und knallte sie wieder zu. Der Zweite stand daneben und machte gekonnt einen Strich auf einem Blatt Papier. Der Erste riss die Autotür auf und knallte sie wieder zu. Der Zweite machte wieder einen Strich. Der Erste riss …

Nachdem der Zweite den 300000sten Strich gemacht hatte, hörten Sie auf und der Test wurde als erfolgreich abgeschlossen. Also ich weiß es nicht genau, aber so ähnlich ist es abgelaufen. Jetzt ist es vielleicht verständlich, dass Anstrengungen unternommen wurden, um diesen Prozess zu automatisieren. Und das sollte unser Prozessleitsystem machen.

Für dieses Projekt wurden die besten Hardware-Leute im deutschen Raum zusammengesucht. Ich habe irgendwann gehört, dass natürlich mein Name als einer der ersten genannt wurde. Bewiesen wurde mir die Aussage nicht, aber ich glaube sie trotzdem.

Ein Berliner mit Namen Hans wurde für dieses Projekt zum technischen Leiter ernannt und ich war sein Stellvertreter. Verkehrte Welt, dachte ich damals. Das Prozessleitsystem wurde in den USA, genauer gesagt in Sunnyvale im schönen Kalifornien etwa 65 km südlich von San Franzisco entwickelt, zusammen gebaut und musste dort getestet werden. Es war vorgesehen, dass wir für einige Zeit nach Kalifornien gehen und das System abholen und heil nach Wolfsburg bringen sollten. Der Aufenthalt in Kalifornien war für Hans mit einem Jahr und für mich mit 6 Monaten festgesetzt. Um meinen Neid zu unterdrücken, redete ich mir ein, dass ich für die Aufgabe, die Hans in einem Jahr zu erledigen hatte, nur 6 Monate brauchen würde, weil ich doch besser, schneller, motivierter usw. war.

Zwei Wochen vor unserer Abreise entschied sich Hans, doch nicht nach Kalifornien zu können. Obwohl er recht gesund aussah und auch sonst sehr fit wirkte, hatte ihn eine Herzkrankheit überfallen und deswegen konnte er nicht. Ich möchte auch an dieser Stelle erwähnen, dass Gerüchte, nach denen Hans sich dem Job nicht gewachsen fühlte, völlig aus der Luft gegriffen waren.

Also musste ich mit Familie und einem kleinen Team für ein Jahr nach Kalifornien. Ich konnte mich gerade noch dazu überwinden. Kurzer Abschiedsbesuch in Wien und auf ging es nach San Francisco. Nach 22 Stunden waren wir auch schon dort. Wir bekamen von der Firma ein schönes kleines Häuschen und wir fühlten uns rundum wohl.

Ich arbeitete im Headquarter unserer Firma in Sunnyvale. In den ersten Tagen bestand mein Job darin, mich zu akklimatisieren. Ich hing also herum und machte einen auf Star aus Europa. In unserem Headquarter gab es eine riesengroße Halle, in der alle Computer standen, die vor der Auslieferung getestet werden mussten. Dazu vielleicht ein Wort zur damaligen Größe von Supercomputern. Großcomputer bezog sich nicht nur auf die Rechenleistung sondern auch auf die räumlichen Ausmaße. Der Computer bestand aus riesigen Schränken, die voll mit elektronischem Zeug waren, das dauernd mit Wasser gekühlt werden musste. Das darf nicht missverstanden werden. Es stand niemand dort mit einem Schlauch und spritze die elektronischen Module mit Wasser an, sondern die Schränke waren unter anderem, mächtige Kühlschränke. Die Schränke bildeten ein Kreuz, dessen Seitenlängen ungefähr 5 Meter betrugen, hoch waren sie mehr als zwei Meter.

Auf dem sogenannten Testfloor, so wurde die riesige Halle genannt, standen also einige dieser  Computer herum. Unser Prozessleitsystem war natürlich der größte. An ihm hingen noch einige andere Geräte, die der Computer unbedingt benötigte, um die Prozesse zu leiten. Ich als Hardware-Mensch hatte nichts anderes zu tun, als gelangweilt über den Testfloor zu schlendern und aufzupassen, dass die amerikanischen Techniker alles richtig machten. Dabei glaubte ich manchmal im Vorbeigehen ein Raunen zu hören, so auf die Art: „Das ist er“. Man hatte schließlich einen Ruf.

Nach einigen Wochen Herumschlendern wurde mir das etwas zu langweilig. Die amerikanischen Kollegen machten einen tollen Job und ich hatte nichts zu tun. Manchmal gab es Besprechungen, aber sonst war tote Hose.

Software-Anfänge

Da hatte ich die Idee mich etwas in Richtung Software weiterzubilden. Ich schnappte mir einige Handbücher und bildete mich. Ich stellte fest, dass mir die Software ganz gut gefiel. Der Bereich war eindeutig besser, als die vorherrschende Meinung unter uns Hardware-Menschen. Bald konnte ich Programme schreiben, die ich dann auf unserem Computer testen konnte. Und die liefen, ohne dass der Computer zerstört wurde.

Nach einigen Monaten war ich vom Hardware-Guru zum Software-Guru mutiert. Wie wäre es auch anders zu erwarten gewesen. Ich glaubte jetzt öfter zu hören, „Das ist er, jetzt macht er auch noch Software.“ Nachdem wir mehrere Monate den Computer in Grund und Boden bzw. auf Herz und Nieren getestet hatten, kamen einige Teststände aus Deutschland. Da waren u.a. Teststände für Scheibenwischer, Auspuffanlagen, Autotüren usw. Diese Teststände wurden an unseren Computer angeschlossen und danach konnten Programme geschrieben werden, um die Funktion der Teststände zu testen.

Ich war in der Zwischenzeit so weit, dass ich auch Programme für einen Teststand schreiben konnte. Ich bekam den Scheibenwischer-Teststand. Um einen Einblick zu geben, was so ein Programm zu tun hatte, hier eine kurze Erklärung. Das Programm schaltete den Scheibenwischer ein. Dann machte ich Seitenwind, vielmehr mein Programm simulierte ihn. Der Scheibenwischer begann sich etwas zu plagen, wenn er gegen den Wind musste und flitze auf die andere Seite mit dem (simulierten Wind). Ich gab kontinuierlich mehr Wind. Und der Scheibenwischer ächzte. Ich kannte keine Gnade: mehr Wind. Der Wischer ging ganz langsam gegen den Wind. Bald hatte ich die Grenze erreicht. Der Wischer blieb auf einer Seite wie tot liegen und die ersten kleinen Rauchwölkchen begannen aufzusteigen. Bald sagte der Motor nichts mehr. Jetzt war er wirklich tot. Mir machte das enormen Spaß, besonders da ich eine ganze Kiste mit Scheibenwischermotoren zur Verfügung hatte.

Natürlich wurden alle Werte wie Windrichtung und Windstärke aufgezeichnet und besonders der Eintritt des Todes des Motors. Diese Daten wurden dann in Deutschland ausgewertet und dementsprechend wurden die Motoren dimensioniert.

Ich machte aber nicht nur Wind. Nein, ich ließ auch (simulierten) Schnee fallen. Hier tat sich der Wischer besonders schwer, weil er in beide Richtungen von dem vielen Schnee gebremst wurde. Bald rauchten auch bei diesen Experimenten die Motoren der Reihe nach ab. Was bei den Schneetests nicht berücksichtigt wurde, war die Tatsache, dass bei der Menge Schnee, die den Motor umbrachte, mit Sicherheit kein Auto mehr auf der Straße sein würde.

So wurde ich also zum Scheibenwischermotor-Killer. Ich möchte klarstellen, dass dies alles schon einige Zeit her ist. Ich bin also nicht für jeden Scheibenwischermotor, der kaputt geht, verantwortlich. Das einzige was mich an dieser Tätigkeit störte, war die Nähe des Auspuff-Teststandes. Er war nicht allzu weit von mir entfernt aufgebaut und wenn getestet wurde, lief dauernd ein echter VW-Motor. Und das war ein bisschen laut.

Irgendwann war es dann so weit. Es gab nichts mehr zu testen. Wir hatten alles bis ins kleinste Detail überprüft und so bereiteten wir uns nach einem Jahr auf die Heimreise vor. Schweren Herzens packten wir unsere Sachen und unser Prozessleitsystem (bildlich gesprochen) und reisten nach Deutschland zurück.

Meine freiwilligen Anstrengungen im Bereich Software machten sich bezahlt. Ich war jetzt einer der Wenigen, die Hard- und Software gleichermaßen kannten und wie ich später noch beschreiben werde, sind solche Menschen in manchen Situationen sehr wichtig.