Kapitel 3 – San Jose und ein Missverständnis

San Jose

Bevor es zu der Entscheidung kam, die Bord-Computer auf unserem Großrechner zu simulieren, hatte ich noch eine andere Idee. Ich hatte erfahren, dass unsere Firma mit Hauptsitz in Minneapolis, Minnesota in einem Labor in San Jose, Kalifornien einen einzigartigen Computer entwickelt hatte, der nur bei einem Projekt eingesetzt werden sollte. Allerdings war dieser Computer das Schnellste, was es damals am Markt gab. Genau genommen waren es mehrere Spezialrechner, die zu einem Rechnerverbund zusammengeschaltet waren. Da wir für die Simulation jede Menge Computer-Power benötigten, war dies eine interessante Sache für mich; Kalifornien auch.

Ich erzählte also meinem Vorgesetzten von meiner Entdeckung. Er stellte sofort den Kontakt mit den entsprechenden Leuten her. Wie sich später herausstellen sollte, begegneten sich bei diesen Gesprächen zwei Welten. Auf der einen Seite mein Chef, der vermutlich nur Chef geworden war, weil er in der Software-Abteilung den Spezialisten im Weg herumstand. Auf der anderen Seite Forscher und Entwickler für Supercomputer, die manchmal oder auch häufig Probleme hatten, eine verständliche Kommunikation mit deutschen Chefs zu führen. Nach einigen Tagen kam mein Chef zu mir und klopfte mir väterlich auf die Schulter. Er lobte meine Weitsichtigkeit und teilte mir mit, dass ich schnellstens nach San Jose fliegen sollte. Durch seine grandiose Kontaktfähigkeit hatte er bereits mit den richtigen Leuten gesprochen und die seien schon ganz heiß darauf mich kennen zu lernen und ihr Wissen weiterzugeben. Sein Auftrag war eindeutig: Ich sollte mindestens eine Woche in San Jose bleiben und Wissen aufsaugen wie ein Industriestaubsauger.

Ich also schnellstens nach Hause, gepackt und Richtung Kalifornien unterwegs. Eine lange Reise. Ich kam aber gut in San Jose an und begab mich am nächsten Tag zu dem Labor unserer Firma. Ich war etwas überrascht, dass ich tatsächlich erwartet wurde, da ich diese Organisation meinem Chef nicht wirklich zugetraut hätte. Was mich etwas beunruhigte war der Umstand, dass ich nicht in das Labor hineinkam. Ich wurde in der Halle von einigen Leuten begrüßt und wir setzten uns auch in der Halle in eine Art Sitzecke. Ich erklärte also den amerikanischen Kollegen in der Eingangshalle, worum es ging. Natürlich musste ich ihnen in der mir eigenen bescheidenen Art ganz deutlich machen, dass ich für die Simulation der Bord-Computer des europäischen Spacelabs verantwortlich war und wir einen Spezialcomputer, wie den von ihnen entwickelten, benötigten.

Die Entwickler hörten meinen Ausführungen gespannt zu, waren für meine Begriffe aber sehr schweigsam und zeigten wenig bis keine Begeisterung. Manchmal tauschten sie Blicke, die ich nicht verstand und die mich etwas verunsicherten. Als ich zu Ende erzählt hatte, herrschte Stille. Ich interpretierte diese Stille als eine Art von Ergriffenheit oder grenzenlosem Staunen über eine derartig geballte Kompetenz aus Europa. Endlich sagte einer etwas und was er sagte machte mich nicht glücklich. Er meinte, dass ihr Spezialcomputer ein rein militärisches Projekt sei, das vollkommen abgeschirmt und sehr geheim sei. Sie könnten mir auf keinen Fall nähere Details geben, was aber sowieso egal wäre, da dieser Computer mit Sicherheit nie nach Europa kommen würde.

Jetzt war ich dran mit Staunen. Insgeheim fragte ich mich, mit wem mein Chef wohl gesprochen hatte und was gesprochen wurde. Ich versuchte mühsam ohne Schlucken und ohne Stottern, diese Frage laut von mir zu geben. Die Antwort war klar. Mein Chef hatte mit ihrem Chef gesprochen und in diesem Gespräch wurde für den amerikanischen Chef nicht ganz klar, was der deutsche Chef eigentlich von ihm wollte. Also machten sie eine Weile Smalltalk und der amerikanische Chef erklärte, dass er in keiner Weise etwas gegen einen Besuch von mir hätte. Ich sollte ruhig kommen und wir würden vor Ort klären, wie wir weiter vorgehen sollten.

Meine Gesprächspartner sahen wohl die aufsteigenden Tränen in meinen Augen, denn sie versuchten mich zu trösten. Sie würden sicherheitshalber die Angelegenheit mit den zuständigen Stellen klären und mir anschließend Bescheid geben, was getan werden könnte. Irgendwo in meinem Hinterkopf hörte ich die Stimme meines Chefs, die mir deutlich zu verstehen gab, dass ich mindestens eine Woche hier bleiben sollte. Ich bedankte mich bei meinen Gesprächspartnern für das aufschlussreiche Gespräch und bat sie, mir im Hotel Nachricht zu hinterlassen sobald sie ein Ergebnis gefunden hätten.

Ich bräunte die nächsten drei Tage am Strand, da ich die Labors nicht betreten durfte und daher nichts anderes zu tun hatte. Laufend fragte ich im Hotel nach, ob es Nachrichten für mich gäbe. Keine Nachricht war da. Am vierten Tag sprach ich wieder bei meinen amerikanischen Kollegen vor. Sie gaben mir etwas verlegen zu verstehen, dass ich keine weiteren Informationen über das Projekt bekommen könnte und wünschten mir eine gute Heimreise.

Ich blieb dann sicherheitshalber noch zwei Tage in San Jose, um sicher zu gehen, dass ich nicht doch noch etwas erfahren würde und um meiner Bräune den letzten Schliff zu geben.

Als ich wieder zuhause war und meinem Chef im Büro begegnete, war seine erste Frage, was ich in der Woche herausgefunden hatte. Er sah mich dabei etwas misstrauisch an, da ihm vermutlich meine elegante Bräune auffiel. Ich machte meine Antwort kurz und bündig, um ihm die Gelegenheit zu geben, sie auf Anhieb zu verstehen: „Nix“. Er sah mich mit einem rätselhaften Blick an, sodass ich ihn beinahe gefragt hätte, welchen Teil von Nix er nicht verstanden hätte. Ich klärte ihn über die erlebte Situation auf, nicht ohne mehr oder weniger deutlich zu machen, dass die vorbereitende Kommunikation zwischen Deutschland und den USA nicht optimal gewesen sein könnte. Er verstand meine dezenten Hinweise, schien sie aber so zu interpretieren, als wollte ich ihm die Schuld in die Schuhe schieben. Wenigstens das hatte er richtig verstanden. Wir diskutierten noch ein Weilchen und ich war mir sicher, dass meine nächste Bewertung das Ergebnis meiner Reise widerspiegeln würde. Es wurde dann aber nicht so schlimm, da die Firma durch meine Beratertätigkeit bei dem Spacelab-Projekt einen schönen Batzen Geld verdiente.

Um die Angelegenheit abzuschließen. Wir entschieden uns schlussendlich für eine Simulation auf dem vorhandenen Großrechner, die auch zufriedenstellen implementiert und genutzt wurde. Bis heute wurde mir nichts bekannt, dass es beim Flug des Spacelabs Probleme mit den Bord-Computern gegeben hätte.