Kapitel 2 – Bremen und Spacelab

Bremen

Da in Österreich der Bedarf an Riesencomputern eher nicht vorhanden war, gab es für uns nach der Rückkehr aus Frankfurt keinen Einsatz in der Heimat. Da man das kleine Vermögen, das in meine Ausbildung investiert worden war, nicht in den Rauchfang schreiben wollte, wurde mir die Gelegenheit geboten, zur gleichen Firma in ein anderes Land zu gehen. Ich war sofort begeistert und wollte nach Italien. Allerdings haben meine Bosse die Auswahl des Landes etwas eingeschränkt. Zur Auswahl gestellt wurde mir, nach Deutschland zu gehen oder nach Deutschland zu gehen. Eine weitere Alternative war, mich um einen anderen Job umzusehen.

Ich ging also nach Deutschland. Ich kam als ausgewachsener Wiener nach Bremen. Am ersten Abend saß ich mit weinerlichem Gesicht in einer Kneipe und versuchte, von den Gesprächen um mich herum nur ein einziges Wort zu verstehen. Ich kann nur sagen, ein Österreicher hat es sprachlich gesehen sehr schwer in einer Bremer Kneipe.

Meine fachliche Entwicklung in Deutschland war gigantisch. Ich kannte den Computer in- und auswendig und hatte bei Problemen immer ein glückliches Händchen.

In Bremen arbeitete ich an einem mittelgroßen Computer bei einer Flugzeugfirma. Dann wurde ich auf den Großcomputer umgeschult und hatte diesen Computer, der auch bei der Flugzeugfirma stand, zu betreuen. Das war ein prestigeträchtiger Job. Wenn der Computer technische Schwächen zeigte, wurde ich in den Computerraum gerufen. Um einen Fehler zu finden, mussten wir unzählige Signale messen, was wir mit einem Oszilloskop machten. Das ist ein Gerät, mit dem man elektronische Signale auf einem Bildschirm sichtbar machen kann.

Der Computerraum war hell erleuchtet und manchmal waren die Signale am Bildschirm schwer zu sehen. Einer meiner Kollegen positionierte sich beim Lichtschalter des Computerraums und wartete auf meinen Ruf „Licht aus.“ Plötzlich wurde der ganze Raum dunkel und nur der Bildschirm der Computerkonsole und des Oszilloskops war zu sehen. Das Verdunkeln hatte aber auch noch einen anderen Grund. Die anwesenden Mathematiker und Programmierer bzw. Programmiererinnen konnten deutlich erkennen, wie wichtig ich für den Fortbestand des Unternehmens war – ohne Computer keine Flugzeuge, ohne Flugzeuge keine Jobs usw. Bremen hätte damals schon mit finanziellen Problemen zu kämpfen gehabt.

Irgendwann, wenn ich den Fehler gefunden hatte, schrie ich „Licht an“, startete den Computer neu und verließ würdevoll den Computerraum. Der von mir erwartete Applaus fiel in den meisten Fällen aus.

Spacelab

Zwei Jahre war ich als Konsulent der CDC beim europäischen Spacelab-Projekt in Bremen dabei. Das war ein gesamteuropäisches Projekt, bei dem jedes europäische Land einen Beitrag zu leisten hatte.

Ich war da mitverantwortlich für die Bord-Computer. Wir hatten nur ein Problem: es gab zu diesem Zeitpunkt noch keine Bord-Computer, die sollten in Frankreich hergestellt und die Programme dafür in Deutschland entwickelt werden. Für unsere 25 Programmierer, alles Spezialisten, war es relativ schwierig, eigentlich unmöglich, Programme ohne Computer bzw. ohne deren Spezifikationen zu entwickeln. Sie kamen nicht richtig weiter.

Da hatten wir die Idee, die Bord-Computer zu simulieren und meine Aufgabe war es, eine passende Simulationsmöglichkeit zu finden bzw. zu entwickeln. Wenn man etwas simulieren will, ist es kein Nachteil, wenn man weiß, wie das, was man simulieren will, in der Realität funktioniert bzw. funktionieren wird. Wir haben verschiedene Möglichkeiten durchgespielt und sind zu dem Ergebnis gekommen, dass es am effektivsten wäre, wenn wir die Bord-Computer auf unserem Großrechner simulieren würden.

Paris

Die Bord-Computer wurden von einer französischen Firma in Paris entwickelt. Um zu erfahren, wie sie einmal arbeiten werden, musste ich häufig zu dieser Firma nach Paris. Ich wurde immer äußerst freundlich und zuvorkommend empfangen. Wir unterhielten uns köstlich und diskutierten verschiedene Themen intensiv durch. Über die Bord-Computer wurde dabei kaum gesprochen. Sehr selten wurde angedeutet, dass die Entwicklung der Computer gute Fortschritte machte.

Gegen Mittag wurde ich regelmäßig in die firmeneigene Kantine für Direktoren zum Essen eingeladen, wo wir uns weiter gut unterhielten. Hier schien eindeutig das Gesetz zu herrschen, dass beim Essen nicht über geschäftliche Dinge gesprochen wird. Das Essen in dieser Nobelkantine dauerte meist zwei bis drei Stunden. Dann war es Zeit für mich, wieder nach Bremen zurückzukehren. Nach einigen Besuchen fiel mir auf, dass ich fast mit dem gleichen Wissensstand nach Bremen zurückkam, mit dem ich weggefahren war. Mich beschlich der Verdacht, dass die französischen Kollegen noch verhältnismäßig wenig Ahnung hatten, wie ihre Computer später einmal funktionieren würden. Ich hatte Recht. Erst nach langer, langer Zeit und einigen weiteren, tollen Trips nach Paris hatten wir doch genug Informationen, um die Simulation auf unserem Großrechner zu starten. Meine Reisen nach Paris waren damit leider beendet.

Zum Glück waren die 25 Programmierer, die in Bremen herumsaßen und Geld kosteten, noch nicht total aus der Übung und stürzten sich begeistert in die Arbeit. Die eine Hälfte von ihnen programmierte am Großrechner die Simulation, die anderen programmierten die simulierten Bord-Computer. Wie man später checken konnte, haben die Bord-Computer problemlos funktioniert. Angeblich hat man eine Plakette mit meinem Namen mit dem Spacelab ins All entsandt. Das könnte aber auch ein Gerücht sein, dass irgendein Schmeichler über mich in Umlauf gebracht hat.

Übrigens, ich glaube, mich erinnern zu können, dass der österreichische Beitrag zu dem europäischen Spacelab-Projekt ein Kugelschreiber war, mit dem man auch im schwerelosen Raum schreiben konnte. Die verkaufte Stückzahl soll sich in Grenzen gehalten haben.