Kapitel 1 – Der Anfang

Wien, Frankfurt,  Minneapolis

Ich habe Elektrotechnik studiert und als ich fertig war, wurde ich auserkoren, Österreich zu verteidigen. Ich hatte zu diesem Zeitpunkt schon einen Sohn und wollte eigentlich Geld für mich und meine Familie verdienen. Allerdings war man in höchsten österreichischen Kreisen der Meinung, dass ohne mich die Verteidigung gegen den Feind aus dem Osten nicht möglich wäre. Also gab ich nach und stellte mich der Verantwortung. Ich wurde sofort mit dem Rang eines Rekruten eingestellt.

Da ich Abitur bzw. Matura hatte, erwartete man von mir, dass ich mich für 12 Monate verpflichten würde, um die Laufbahn eines Reserveoffiziers einzuschlagen. Dies hätte mit Sicherheit meinem außergewöhnlichen Führungspotential entsprochen, aber da ich so schnell wie möglich Geld für meine darbende Familie heranschaffen musste, lehnte ich diese gewaltige Ehrung ab. Die beim österreichischen Bundesheer waren damals sehr nachtragend und daher blieb ich Rekrut und durfte extrem oft an Wochenenden Dienst tun.

Dazu eine kleine Episode, die klingt, als wollte ich mich an der österreichischen Armee rächen:
Ich war in Wien in der Fasangartenkaserne stationiert und hatte wieder einmal am Wochenende Dienst. Die Fasangartenkaserne ist eine der größten Kasernen in Wien. Gegen Samstagmittag machten sich fast alle Kämpfer fertig, nach Hause zu gehen, da mit einem Angriff zu diesem Zeitpunkt nicht zu rechnen war. In der Kaserne war es üblich, am Samstagmittag am Hauptplatz die Fahne zu hissen. Diese Ehre wurde mir zuteil, da ich der wachhabende Rekrut war. Während die Fahne hochgezogen wurde, mussten alle auf dem Kasernenhof erstarren und salutieren. Ich habe also die Fahne befestigt und habe es genossen, dass diese nachhause gehenden Verräter warten mussten. Ich begann gemächlich die Fahne hochzuziehen und da passierte es.

Ich kam mit meinem Wollhandschuh in den Mechanismus und nichts ging mehr. Es ging nicht mehr nach vorne und auch nicht zurück. Zuerst versuchte ich mit dem mir eigenen Feingefühl und meinem technischen Verständnis, die Situation in den Griff zu bekommen. Ich schaute mir in Ruhe den Mechanismus an und ob es eine Möglichkeit gäbe, den Handschuh rauszuziehen. Ich kam zu keiner Lösung. Ich beschloss daher, etwas mehr Kraft einzusetzen, d.h. ich riss an dem Seil, an dem die Fahne hing, etwas stärker bis vehement herum, aber ohne Erfolg. Erschwert wurden meine Bemühungen durch einen leichten angenehmen Wind, der mir die Fahne um den Kopf blies, so dass ich nur eine eingeschränkte Sicht auf das Problem hatte.

Massen von Heimkehrern standen bewegungslos salutierend da und warteten, dass die Fahne hoch kommt. Es dauerte ziemlich lange, bis jemand erkannte, dass ich Schwierigkeiten hatte und mir zu Hilfe kam.
Wir rissen jetzt zu zweit an dem Seil herum und tatsächlich wurde durch die gemeinsamen Anstrengungen mein Handschuh durch den Mechanismus gedreht. Die Fahne stieg langsam gen Himmel. Zu diesem Zeitpunkt sahen die Salutierenden schon etwas traurig aus, weil ihnen das Blut komplett aus dem rechten Arm gewichen war und auch die Kraft eine aufrechte Haltung beizubehalten. Irgendwann war die Zeremonie beendet und alle, außer mir, gingen nach Hause.

Es ist nicht weiter verwunderlich, dass diese Aktion meinen Bekanntheitsgrad in der Kaserne steigerte aber nicht zu meiner Beliebtheit beitrug.

Nachdem ich aus dem Bundesheer mit allen Ehren ausgeschieden war (ich hatte erfolgreich den LKW-Führerschein bei den Funkern gemacht), hatte ich 1967 das große Glück, in die ganz junge EDV-Branche einsteigen zu können. Damals hießen Computer noch Elektronengehirne und dementsprechenden eingebildet waren wir in dieser Branche. Ich wurde von einem amerikanischen Großcomputerhersteller – Control Data Corporation –  in Österreich als Hardware-Ingenieur eingestellt und für ein System, das nach Bratislava verkauft werden sollte, ausgebildet. Die Ausbildung dauerte sechs Monate und fand in Frankfurt/Main statt. Damals wurden noch Unsummen in die Ausbildung der Mitarbeiter investiert und diese Investitionen begründeten auch zu einem Teil den hervorragenden Ruf der Firma. Nicht zu unterschätzen war auch der Prestigegewinn für das Unternehmen als bekannt wurde, dass ich eingetreten war.

In Frankfurt hatte die Firma ein eigenes Appartementhaus, in dem alle wohnten, die auf den Computern ausgebildet wurden. In diesem Haus war das westliche Europa vertreten. Aus aller Herren Länder waren Abgesandte anwesend.

Als ich am ersten Tag dort eintraf und in das Ausbildungszentrum kam, erwartete mich schon der erste Schock: die Umgangssprache in der Firma und natürlich auch in der Ausbildung war Englisch. Mit meinen Schulkenntnissen hätte ich während der ersten Tage genauso gut taub sein können. Ich verstand nichts und wurde manchmal von Panik geschüttelt, wenn ich daran dachte, dass ich hier etwas lernen sollte. Als der Instruktor zur ersten Pause aufrief, wurde mir erst klar, was los war, als alle aufstanden und hinausgingen. Wären die schneller gegangen, hätte es auch ein Feueralarm sein können.

Das änderte sich rasant, da Europa jeden Abend nach Sachsenhausen zum Apfelwein pilgerte und da musste Englisch gesprochen werden. Am dritten Tag, war ich einer der ersten aus dem Seminarraum, wenn eine Pause ausgerufen wurde.

Als ich mit meiner Ausbildung in Frankfurt fertig war und wieder nach Wien zurückkam, gab es in der Tschechoslowakei den Prager Frühling. Die Amerikaner wollten ihren Teil zum Weltfrieden beitragen und bestraften die Regierung der Tschechoslowakei, indem sie dorthin keinen Supercomputer verkaufen wollten. Ich bin sicher, dass dies ein harter Kampf im Hauptquartier meiner Firma war, weil es eine mächtige Umsatzeinbuße bedeutete. Vielleicht hat es aber auch ein Präsident entschieden und meiner Firma die Lieferung verboten.

Besonders sauer waren unsere Verkäufer in Wien. Der Verkauf in der Sowjetunion und im gesamten Ostblock wurde ausschließlich von Amerikanern durchgeführt. Sie hatten sozusagen ein Monopol auf diese Tätigkeit. Diese Regelung war nicht getroffen worden, weil sich die Amerikaner besonders gut mit den Russen verstanden, sondern weil es für diesen Job riesige Provisionen gab und, wie ich später erzählen werde, man den Russen fast alles verkaufen konnte, auch Sachen, die nicht direkt mit einem Computer in Verbindung zu bringen sind.

Uns wurde weiß gemacht, dass in dieser harten Welt nur erfahrene Verkaufsprofi bestehen könnten. Außerdem sei es äußerst schwierig mit den Russen zu verhandeln. Man müsse schon genau wissen, wie man wo und wann usw. vorgeht. Ich dachte damals und denke noch heute, dass jeder Techniker aus unserem Team mehr Ahnung von der russischen Mentalität hatte als die Starverkäufer, die dorthin geschickt wurden. Die meisten von ihnen waren damals noch sehr überrascht, wenn sie erfuhren, dass es im Rest der Welt auch Zivilisationen gab. Zum Thema mit den Russen verhandeln möchte ich noch anmerken, dass keiner der Verkäufer eine andere Sprache als Englisch konnte, d.h. dass die Verhandlungen von russischer Seite in den meisten Fällen mit einem Dolmetscher geführt werden mussten, was keineswegs zu einer Erleichterung führte.

Aber auch die Amerikaner hatten ihre Bildungslücken. Um mich auf meinen Job weiter optimal vorzubereiten, wurde ich für einige Monate zu einer Spezialausbildung nach Minneapolis geschickt und durfte sogar meine Frau mitnehmen. In unserer Freizeit fuhren wir öfter zu einem See zum Baden. Bei diesem See war es fast immer unmöglich, in kurzer Zeit einen Parkplatz zu finden. Einmal kamen wir hin und fanden auf Anhieb eine schöne lange Lücke. Ich glaubte fast an ein Wunder. Ich machte meine Frau noch darauf aufmerksam, dass es eine schöne Sitte in Minneapolis sei, die Gehsteige bunt anzumalen. Der vor dem ich stand war beispielsweise rot angestrichen.

Wir legten uns in die damals noch nicht so gescholtene Sonne und brutzelten ein wenig vor uns hin. Es war ein schöner, erholsamer Nachmittag. Als wir genug hatten, packten wir ein und wanderten zu unserem Auto. Schon von weitem sah ich mit Panik in der Brust, dass die schöne große Lücke schon wieder frei war, was so viel bedeutete, dass unser Auto nicht mehr dort stand. Wir standen also etwas verloren vor dem leeren Parkplatz und mussten durch unseren starren und abwesenden Blick die Aufmerksamkeit eines freundlichen Passanten erweckt haben. Er blieb stehen und fragte, ob er uns helfen könne. Ich erklärte ihm, dass mein Auto gestohlen worden sei, da es nicht mehr da stand, wo ich es hingestellt hatte.

Er lachte etwas eigenartig auf und erklärte mir, dass das Auto mit ziemlicher Sicherheit nicht gestohlen worden sei, sondern dass es von der Polizei „umgelagert“ worden war. Es stellte sich heraus, dass die schöne rote Markierung das höchste Parkverbot signalisieren sollte, das man in Minneapolis kannte, weil dort auch ein roter Hydrant stand und der sollte doch für einen eventuellen Einsatz der Feuerwehr frei bleiben.

Der freundliche Herr erklärte uns noch genau, wo wir unser Auto wieder sehen könnten. Wir marschierten also los und erreichten nach geraumer Zeit heftig schwitzend die Polizeistation. Die Beamten waren zuerst sehr cool, tauten aber sehr rasch auf als sie hörten, dass wir aus Austria kamen.

Wir unterhielten uns längere Zeit über alle möglichen Dinge. Unter anderem wurde uns erklärt, was die schönen bunten Markierungen für eine Bedeutung haben und dass sie nicht der Verschönerung der Stadt Minneapolis dienten. Im Laufe des Gespräches kam es dann. Einer der Officers fragte uns, wie wir es geschafft hätten, hinter dem Eisernen Vorhang hervor zukommen. Die restliche Mannschaft nickte interessiert zu dieser Frage. Über diese Wissenslücke waren wir doch etwas überrascht. Wir erklärten ihnen, dass dieser Vorhang hinter Österreich hing, worüber er und alle seine Kollegen sehr erstaunt waren. Immerhin hatte diese Aufklärungsaktion den Vorteil, dass wir keine Strafe bezahlen mussten.